"Willst du diese alte Gurke nicht endlich einfach mal beerdigen?!" 03.07.2014

Bericht aus unserer Fahrradwerkstatt

Vor etwa einem Jahr hat der Jugendbereich unserer Hellersdorfer Arche begonnen, jeden Montag eine Fahrradwerkstatt anzubieten. In den Kellerräumen unserer Einrichtung haben unsere Jugendlichen die Möglichkeit ,mit unserer Unterstützung verschiedene Mängel an ihren geliebten Zweiradmobilen zu beheben. Das Motto, das wir dabei verfolgen, lautet: "Nicht wir reparieren für dich", sondern "Wir reparieren gemeinsam". Das heißt konkret: "Was du allein kannst, machst du eigenverantwortlich" und "Wenn du Hilfe brauchst, sind wir an deiner Seite und finden gemeinsam eine Lösung". Seit einigen Monaten absolviere ich (Paul) ein Praktikum im Jugendbereich und jeden Montag ab 15:30 Uhr bin ich gemeinsam mit Stefan, einem unserer ehrenamtlichen Helfer, als Ansprechpartner für unsere Jugendlichen da - ganz egal, welches Reparaturanliegen sie mitbringen. In den ersten Wochen war die Nachfrage für unseren Reparaturservice zunächst noch etwas verhalten. Die ersten Jugendlichen, die ihr Fahrrad erfolgreich bei uns "verarztet" hatten, brachten den Stein dann allerdings so richtig ins Rollen: Innerhalb kurzer Zeit boomte unsere Werkstatt und wir kommen mit den verschiedensten Reparaturanliegen manches Mal kaum hinterher. Wir sind fasziniert, was für Geschichten man dabei erleben kann! Ein Beispiel: Vor einiger Zeit kam uns ein 15jähriger Lockenkopf, Jeffrey, in unserer Fahrradwerkstatt besuchen. Er hatte lediglich ein kleines Löchlein in seinem Vorderrad. Kein Problem für unseren "Meister" Stefan. Die Woche darauf war Jeffrey wieder am Start. Diesmal mit einem größeren Loch an einer anderen Stelle. Wieder gab uns Stefan ein paar hilfreiche Tipps. Jeffrey zeigte sich beeindruckt von Stefans Sachverstand, traute sich selbst aber anfänglich nur sehr, sehr wenig zu. Stefan und ich dachten, dass das Fahrrad nun endgültig geflickt und repariert sei, doch Woche für Woche stand Jeffrey mit seinem roten Mountainbike in der Tür. Die Plastikpedale zerbrochen, die Rückbremse abgenutzt, der Sattel zerfetzt, eine Acht hinten und eine Sechzehn vorne, die Gangschaltung reagierte nur auf Stufe eins & zwei, Rostansätze am Rahmen, verdreckte Reifenprofile... Und jedes Mal stand Jeffrey mit seinem breiten Grinsen am Eingang unserer kleinen Werkstatt. Irgendwann konnten wir uns zuletzt die Frage nicht mehr verkneifen: "Willst du diese alte Gurke nicht ENDLICH einfach mal beerdigen?" Jeffreys unvermittelte Antwort: "Nein, Mann! Das Fahrrad habe ich von meiner Oma geschenkt bekommen! Ich will es wieder ganz machen! Unbedingt!!!" So besuchte Jeffrey Woche für Woche unsere Fahrradwerkstatt und flickte Reifen, wechselte den Sattel, ölte die Kette, tauschte die Bremsen aus, säuberte die Mäntel. Leidenschaftlich und gewissenhaft hält er seinen Drahtesel fahrtüchtig und düst damit durch die Straßen von Hellersdorf. Die Fahrradwerkstatt als ein regelmäßiges Angebot für unsere Jugendlichen hat in unserem Arche-Alltag einen wichtigen Stellenwert gewonnen: Hier lernen Jugendliche, die sich am Anfang wenig zutrauen, ganz praktische Handgriffe. Ein gemeinsam erfolgreich repariertes Fahrrad ist ein höchst "greifbares" Arbeitsergebnis, das motiviert nach dem Prinzip: "Wenn ich mich in eine Sache richtig reinhänge, dann kommt am Ende auch was Sichtbares dabei heraus!" Jugendliche profitieren voneinander, indem sich in unserer Werkstatt auch untereinander oft sehr selbstverständlich gegenseitig geholfen wird. Längst hat unsere Werkstatt inzwischen an mehreren Tagen in der Woche geöffnet. Das Angebot zieht Kreise - nicht selten bringen Jugendliche Fahrräder ihrer jüngeren Geschwister zur Reparatur mit. Auch Elternteile, denen Werkzeug oder praktische Erfahrung fehlt, nutzen immer wieder gerne unseren Service.  Paul K. / Samuel K.